Eintauchen in die Geschichte – von NY State nach Virginia

Eintauchen in die Geschichte – von NY State nach Virginia

Crown Point NY

Gleich nach der Brücke und dem Schild „Welcome to NY“ wollen wir uns im Crown Point State Park installieren, der direkt am Lake Champlain liegt. Die freundliche Dame am Eingang informiert uns, dass wir eigentlich einen Tag vorher auf rec.gov hätten reservieren müssen, lässt uns dann aber als walk-ins doch hinein und meint, wir könnten dann morgen bezahlen.
Der riesige Park ist nun am Saison-Ende praktisch leer und nachdem wir einen hübschen Platz gefunden haben, zahlen wir gleich online für die nächsten drei Nächte – inkl. diese fiese Buchungsgebühr, um die man nicht herumkommt, obwohl man die Arbeit ja selbst erledigt. Da wir es am nächsten Tag nicht schaffen, jemanden zu finden, bei dem wir für die erste Nacht bezahlen könnten, haben wir die Buchungsgebühr immerhin wieder drin…

Die Abendstimmung war dank einer dräuenden Wolkenfront schon auf dem Weg hierher interessant. Ich bin gerade noch rechtzeitig, um auf das Champlain Memorial Lighthouse zu steigen, von dem man einen schönen Blick auf den gleichnamigen See und Brücke und den tollen Sonnenuntergang hat.

Die nächsten Tage ist das Wetter dann sehr unbeständig. Am ersten Tag haben wir noch einigermassen Glück, danach gibt es immer wieder sehr starke Niederschläge, sodass wir sozusagen auf einer «Privatinsel» stehen und beim WC-Gang sehr froh um unsere Crocs sind – das kalte Wasser geht zwar rein, aber auch wieder raus…

Hier sind wir nun auf dem wichtigen Verkehrsweg vom Hudson River Valley über Lake George und Lake Champlain nach Montréal, wo sich im Siebenjährigen Krieg / French and Indian War, im Unabhängigkeitskrieg und weiter südlich auch im Bürgerkrieg diverse diverse Schlachten abgespielt haben.
Crown Point war wegen seiner Lage an einer Engstelle des Lake Champlain einer der wichtigen strategischen Orte. Die aus dem Norden kommenden Franzosen errichteten zunächst 1731 das Fort Saint-Frédéric gegen die Briten. Diese gewannen im Siebenjährigen Krieg (1756–1763) die Oberhand und begannen 1759, etwas weiter oben ein neues, um ein Vielfaches grösseres Fort zu bauen (es war damals die grösste Erd-Befestigung in den Kolonien; einige Gebäude im Inneren wurden nach dem Frieden von Paris 1763 allerdings gar nicht mehr gebaut). Als es mal nicht regnet, gucke ich mir das kleine Museum und die beiden Forts sowie einen interessanten «Smith & Bullis»-Kalkofen aus der Zeit um 1875 an.

 

Fort Ticonderoga NY

Ich wollte immer schon mal Fort Ticonderoga (u.a. bekannt aus «Outlander» 😉) angucken, das von Crown Point aus heutzutage in Ausflugs-Distanz liegt (früher war es eine Tagesreise). Da das 54 USD kostende Ticket in Ticonderoga gleich für 2 Tage gültig ist, machen wir auch davon Gebrauch – trotz heftigen Regens am 2. Tag.

Das Fort war von den Franzosen 1755-58 unter dem Namen Carillon nach Vorlage der sternenförmigen Forts von Vauban erbaut worden und wurde 1759 von den Briten eingenommen, wobei die Franzosen beim Rückzug noch ihre Pulvervorräte in die Luft jagten.
Im Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg wurde das von den Briten unterbesetzte Fort 1775 in einem Handstreich von den Amerikanern eingenommen und 1777 von den Briten im zweiten Anlauf zurückerobert, nachdem sie auf dem Mount Defiance Artillerie platziert hatten. 1780 wurde es von den Briten nach ihren Niederlagen weiter im Süden schliesslich aufgegeben.

Neben den interessanten Ausstellungen in den Gebäuden (viel Info!) wird hier auch living history betrieben (im Sommer vermutlich mehr, jetzt war nur eine ganz kleine Rumpfmannschaft aus vier Leuten da). Wir besuchen die interessanten Musketen- und Kanonenvorführungen, wobei sie es am 2. Tag sogar schaffen, die Kanone bei Starkregen abzufeuern (die Drei sind genauso begeistert davon, dass es geklappt hat, wie das Publikum) und gucken beim Schuhe-Reparieren zu. Ein Ausflug auf den Mount Defiance, von wo man einen schönen Blick auf das Fort an der Engstelle des Lake Champlain hat (und von wo man mit Kanonen draufschiessen kann…), darf natürlich auch nicht fehlen.
Ich gehe dann auch noch an eine Führung im «modernen» Teil, d.h. durch den Park mit Villa und Garten von William Ferris Pell, der das Grundstück 1820 gekauft hatte. Der Pell-Familie ist es zu verdanken, dass das Fort restauriert und zu einer Touristen-Attraktion wurde. Sie sorgten auch für die Gründung der Fort Ticonderoga Association im Jahr 1931, die seither dafür verantwortlich ist. 

 

Kanonendemonstration im Fort Ticonderoga:

 

Es geht auch im Regen!

 

Reinigen der Kanone:

 

Auf nach Süden!

Das Wetter ist definitiv herbstlich und wir merken, dass wir langsam Übernachtungsprobleme bekommen, da die meisten State Parks hier oben am nächsten Wochenende für die Saison schliessen (obwohl die Temperaturen noch sehr angenehm sind, wenn es nicht gerade regnet…).

Also auf nach Süden!

Auf dem Weg besuchen wir in Saratoga «das Schlachtfeld» (ein grösseres Gebiet…) und das Museum, in dem viel Interessantes über die entscheidende Schlacht von 1777 im Unabhängigkeitskrieg zu erfahren ist.

Wir  begegnen auch dem 524 mi/843 km langen NYS-Canal System, indem wir entlang des Champlain-Kanals fahren und den legendären Erie-Kanal überqueren. Bei Albany kreuzen wir unsere Route von 2019 und fahren dann auf kleinen Nebenstrassen an den Catskill Mountains vorbei.

Bei Scranton (Pennsylvania) treffen wir wieder auf eine grössere Verkehrsachse – mit Stau…
Wir beschliessen, eine Nacht in der Gegend zu bleiben (übernachtet wird wieder mal bei Cracker Barrel) und am nächsten Tag die technikhistorischen Sehenswürdigkeiten anzusehen: Scranton ist die größte Stadt in einem Anthrazitkohleabbaugebiet und man kann hier unter anderem die Überreste der historischen Hochöfen (die Lackawanna Iron & Coal Company produzierte daraus vor allem Eisenbahnschienen und war in den 1860er Jahren das zweitgrösste Eisenwerk) und die Steamtown National Historic Site besichtigen, welche die Anlagen eines ehemaligen Bahnbetriebswerkes der Delaware, Lackawanna and Western Railroad bewahrt.
Das Herzstück der Steamtown NHS bildet ein Rundlokschuppen mit dazugehöriger Drehscheibe und vielen historischen Lokomotiven und Zügen, die an Ort restauriert werden. Wir sind leider auch hier «off season», denn im Sommer werden regelmässig Ausfahrten angeboten. Doch hat immerhin das interessante Museum geöffnet und wir können u.a. eine der noch acht existierenden, riesigen «Big Boy»-Lokomotiven der Union Pacific von Innen bewundern!

 

Im nahegelegenen Lansford PA besichtigen wir die No. 9 Coal Mine and Museum, wo wir durch einen pensionierten Bergarbeiter durch die ehemalige Anthrazit-Mine und das Museum, das im ehemaligen Wash Shanty untergebracht ist, geführt werden. Dank unserem Führer eine super interessante Tour!
Am Abend übernachten wir wieder beim Cracker Barrel und probieren zum ersten Mal ein «Chili’s»-Restaurant aus, das uns mit seinen Tex-Mex-Gerichten angenehm überrascht.

Am nächsten Tag fahren wir durch ein hügeliges Gebiet mit Obstplantagen und vorbei an East Berlin nach Gettysburg. Die berühmte Schlacht fand hier vom 1. bis zum 3. Juli 1863 statt und gilt als einer der entscheidenden Wendepunkte des Amerikanischen Bürgerkrieges. Das Gebiet ist übersäht mit Monumenten, die an die beteiligten Regimenter erinnern. Den Gettysburg National Military Park selbst lassen wir aus (nach Vicksburg und Saratoga haben wir irgendwie genug Schlachtfelder gesehen), besuchen aber das sehr informative Museum im riesigen Visitor Center mit einer extensiven Ausstellung. Das Museum beherbergt auch ein historisches Panorama / Cyclorama painting, das mit Ton- und Lichteffekten zum Leben erweckt wird und sehr eindrücklich ist.
Bei unserem Besuch sind das Museum und insbesondere der riesige Museumsshop besonders voll, da im Rahmen des 30jährigen Jubiläums des Films «Gettysburg» zwei der damaligen Schauspieler Autogramme geben.

Als wir weiterfahren, überqueren wir sehr bald die Grenze zu Maryland. Dort sehen wir einen Wegweiser zum National Shrine Grotto of ​Our Lady of Lourdes. Neugierg folgen wir der Beschilderung und gelangen schliesslich auf einen Hügel, wo uns eine Kirche und eine riesige, golden leuchtende Marienstatue begrüssen. Der Schrein selbst befindet sich weiter oben auf dem Hügel inmitten eines wunderschönen Parks, der mit Kreuzwegen, Kapellen und verschiedenen kleineren Schreinen durchsetzt ist. Nach den Besichtigungen so vieler Kriegsschauplätze und insbesondere Gettysburgs, des Schauplatzes der blutigsten Schlacht auf dem amerikanischen Kontinent überhaupt, tut uns dieser wunderschöne, friedliche Ort einfach gut.

Getröstet durchqueren wir noch den sehr hübschen nördlichen Zipfel der Blueridge Mountains und müssen uns noch durch einige Staus kämpfen bevor wir uns wieder mal bei einem Cracker Barrel, diesmal in Hagerstown MD, zur Nachtruhe begeben (wir essen auch mal wieder hier).

 

Colonial Williamsburg

Am nächsten Morgen ist es wieder definitiv herbstlich: es schüttet und ist gerade mal noch 12 Grad. Brrr! Wir wollen so schnell wie möglich in den Süden und nehmen darum wieder die Interstate. Das schmale Maryland haben wir schnell durchquert und auch von West Virginia nehmen wir nur die nordöstlichste Ausbuchtung mit, so dass wir bald im Bundesstaat Virginia angekommen sind, das uns mit Wäldern, abgeernteten Feldern und grünen Weiden voller grasender Rinder empfängt.
Washington DC umfahren wir grossräumig. Es hatte uns zwar das letzte Mal gut gefallen, aber dieser starke Regen lädt nicht zu gemütlichen Stadtbesichtigungen ein (obwohl wir natürlich noch Wochen in den diversen Museen verbringen könnten…). Bald gelangen wir nach Richmond VA und in die Küstenebene. Auch heute werden wir wieder bei einem Cracker Barrel übernachten, gönnen uns aber vorher in Newport News VA beim Japan Samurai ein Hibachi Dinner (heisst in den USA so, eigentlich wäre es Teppanyaki). Wir haben Spass, das Essen ist heiss und reichlich – was will man mehr?

Nachdem wir uns mit den feinen Beignets vom Cracker Barrel gestärkt haben, geht’s nach Colonial Williamsburg, wo ich immer schon mal hin wollte. Auch hier erstehen wir das 2 Tage gültige Multiday-Ticket, weil es im Vergleich «günstig» ist (wir bezahlen zu zweit knapp 120 USD…), aber man braucht sowieso mindestens zwei Tage für das riesige Living History-Openair Museum.
Ich hatte mir etwas in der Art von Thunder Bay oder Ticonderoga vorgestellt (einfach in etwas grösserem Massstab), aber es ist dann doch recht anders: Das Museum umfasst den historischen Teil von Williamsburg, das im 18. Jahrhundert Hauptstadt der Kolonie Virginia war. Auf dem rund 122 ha (301 acres) grossen Areal stehen entlang von drei parallelen Durchgangsstrassen und diversen Querstrassen mehrere hundert historische Gebäude aus der Zeit vom 17. bis ins 19. Jahrhundert, wovon die meisten original sind (der Gouverneurspalast und das Capitol sind rekonstruiert). Das Stadtgebiet ist allerdings nicht mehr vollständig; zwischen den historischen Gebäuden gibt es einige Lücken. Zudem sind einige der historischen Gebäude in Privatbesitz, was dem ganzen aber zusätzliches Leben verleiht. Deren Bewohner dürfen jeweils nur nach Museumsschluss mit ihren Autos zufahren, unter Tags darf man sich nur zu Fuss oder mit der Pferdekutsche fortbewegen.
Die Gebäude sind – ähnlich wie im Schweizerischen Ballenberg – an verschiedenen Tagen geöffnet und es werden darin historische Handwerke und Berufe ausgeübt. Das schöne ist, dass die Produkte nicht nur für die Shops hergestellt werden (super Qualität, aber die Preise sind dann auch entsprechend…), sondern dass die Werkstätten und Manufakturen zum Teil auch «richtig» produzieren: Z.B. werden in der Ziegelei Backsteine und Mauerziegel für Restaurierungsprojekte in anderen Museen und für historische Gebäude geschlagen und gebrannt.
Das Gesamtbild, das für meinen Geschmack zu sauber und aufgeräumt ist, wird belebt durch historisch gekleidete Personen, mit denen man zu bestimmten Zeiten ins Gespräch kommen kann. Wir machen einmal, ohne es zu realisieren, an so einem Treffpunkt Pause, worauf wir die Ehre haben, vom Gouverneur persönlich angesprochen zu werden, im Sprechstil des 18. Jahrhunderts. Leider wussten wir da noch nicht so viel über seine Geschichte, so dass die Unterhaltung nicht ganz so flüssig war…
Es gibt auch immer wieder Führungen (zum Beispiel zur Archäologischen Gartengrabung, yes!, oder im Gouverneurspalast) oder im Gerichtsgebäude einer von willigen Besuchern nachgespielten Gerichtsverhandlung beiwohnen.
Gerade ausserhalb des Museumsgeländes entdecken wir zudem mit Whyte Candy & Gourmet einen Wahnsinns-Süssigkeitenladen, wo es einfach alles gibt! Sehr gefährlich… 😉

Da es nicht mit einem museumseigenen Restaurant klappt (Nebensaison und unter der Woche), probieren wir am Abend das The Melting Pot-Restaurant aus, welches wir am Vorabend neben dem Japan Samurai entdeckt hatten. Es handelt sich dabei um eine Restaurantkette, die sich ganz auf Fondue spezialisiert hat. In allen Variationen: Als Vorspeise stehen Käsefondues, als Hauptspeise Fleischfondues (wahlweise als Chinoise, Bourguignonne oder Tischgrill) und als Nachspeise natürlich Schoggifondues auf der Karte! Wir probieren zuerst mal das «Classic Alpine» Käsefondue, das direkt am Tisch zubereitet wird und uns sehr gut schmeckt (hier wird übrigens mit Wasserbad und Induktionsplatten gearbeitet). Wir sind so davon angetan, dass wir gleich noch ein zweites bestellen (es ist ja «nur» eine Vorspeise…). Dafür lassen wir dieses Mal die anderen Gänge weg – es war sicher nicht unser letzter Besuch in einem dieser Restaurants!

Die zwei Tage vergehen wie im Flug und ich hätte gut noch zwei anhängen können. Ozy ist dagegen ganz zufrieden (wir haben unser Schrittsoll auch mehr als erfüllt…).

Sozusagen als Dessert besuchen wir die kleinen, aber feine Copperfox Distillery in Williamsburg, wo uns der Master Distiller persönlich durch die Gebäude eines ehemaligen Motels führt. Als Besonderheit wird hier Single Malt Whisky mit selbstgemälzter Gerste hergestellt. Zum Tasting Flight gönnen wir uns ein ausgezeichnetes Charcuterie Board und fallen nachher (auf dem Cracker Barrel-Parkplatz) zufrieden und erschöpft ins Bett.

Die Kommentare sind geschlossen.